
Nicht erst seitdem man dem Web die Versionsnummer 2.0 verpasst hat, machen sich Internetnutzer Gedanken über ihre virtuell präsentierte Identität. Nickname, Realname oder vielleicht irgendetwas dazwischen? Wer gezieltes Online-Reputationsmanagement betreiben möchte, sollte sich für eine Strategie entscheiden und diese konsequent anwenden.
Damals …
In vielen Newsgroups des Usenet der 90er-Jahre gab es immer wieder den mahnenden Aufruf, doch bitte seinen tatsächlichen Namen als Absender der eigenen Beiträge zu verwenden. Die Verwendung einer funktionierenden E-Mail-Adresse, die bei Bedarf die direkte Kommunikation abseits der öffentlichen Diskussion ermöglichte, war ohnehin Pflicht. Angst vor der Spam-Überflutung des E-Mail-Kontos gab es praktisch nicht. Die Kommunikation mit offenem Visier gehörte zum guten Ton – auch wenn sie natürlich aus verschiedenen Gründen nicht überall konsequent praktiziert wurde.
Heute …
Heutzutage sieht das Bild ein wenig anders aus. Im Web kann und soll man an allen Ecken und Enden seine Meinung kundtun, vorhandene Inhalte kommentieren oder neue erschaffen und veröffentlichen. Das Mitmach-Web ermöglicht es, so vielen Menschen wie nie zuvor in einer so öffentlichen und (zumindest potenziell) reichweitenstarken Art und Weise wie nie zuvor die eigene Meinung zu allem und jedem äußern. Und zu jedem Inhaltsschnipsel existiert ein Absender.
Meist wird ein Nickname angegeben, dazwischen auch mal ein Realname. Komplett anonyme Dienste sind eher selten. (Spontan fällt mir nur brainR ein, bei dem man Antworten auf Brainstorming-Fragen ohne jegliche Absender-Angaben abgeben kann.) Was unter einem solchen Psudonym alles im Web veröffentlicht wurde, lässt sich auch Jahre später noch bequem per Google recherchieren. Dabei müssen die verschiedenen Beiträge zu einem Nickname natürlich nicht zwangsläufig auch von der selben Person stammen.
Konsequentes Identitätsmanagement
Wer auf seine Online-Reputation wert legt, sollte sich daher genau überlegen, wie sie oder er im Netz auftritt. Dabei kann es es sowohl darum gehen, das Aufzeigen eines Zusammenhangs zwischen bestimmten Inhalten zu vermeiden als auch einen solchen Zusammenhang gezielt aufzuzeigen. Überdies kann die gewünschte Ausrichtung je nach Website, Inhaltsart oder dem damit verbundenen Lebensbereich auch noch unterschiedlich ausfallen.
Meiner Meinung nach hilft es, sich einmal eine für die eigenen Bedürfnisse passende Strategie zu überlegen und sich dann konsequent an diese zu halten, wenn es darum geht, sich wieder einmal bei einer Social-was-auch-immer-Website anzumelden oder auch nur einen einfachen Blog-Kommentar abzugeben.
Anonymes Auftreten
Bekanntlich ist es in vielen Fällen im Netz gar nicht möglich, Inhalte ohne eine Absenderangabe zu veröffentlichen. Was bleibt, ist die Möglichkeit, viele verschiedene Psudonyme zu verwenden. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass die einzelnen an die jeweiligen Pseudonyme geknüpften Identitäten zusammengeführt werden. Die Vorteile des relativ „sicheren Schutzes“ vor einem ungewollten Erkanntwerden erkauft man sich mit damit, dass dadurch auch eine gewollte website- oder anwendungsübergreifende Identifizierung durch Freunde bzw. Kontakte deutlich erschwert wird. Nicht nur, dass man selber in einem solchen Fall immer wieder darauf hinweisen muss, bei welchem Portal man denn nun wie heißt – auch für die Netz-Freunde/-Kontakte kann es schnell anstrengend werden, die vielen Psudomyne immer korrekt zuzuordnen.
Für ein aktives Selbstmarketing im Internet ist dieses Vorgehen in seiner Gänze ohnehin nicht relevant, da Wiedererkennbarkeit hierfür ein wichtiger Baustein ist. Nur in Ausnahmefällen kann es sinnvoll sein, für einzelne Services, die ansonsten nicht ins gewünschte Gesamtbild der eigenen Marke bzw. Persönlichkeit passen, völlig autarke Psudonyme zu nutzen.
Pseudonyme verwenden
Wer „nur“ einige wenige parallel genutzte Online-Identitäten haben möchte, wird im Regelfall auf die Anwendungsfall-übergreifende Nutzung eines oder mehrerer Pseudonyme zurückgreifen. So lassen sich Lebensbereiche, die in der Offline-Welt größtenteils voneinander getrennt existieren, auch online relativ sauber abbilden.
Ein Beispiel: Für die berufliche Nutzung von Social Networks wie XING oder LinkedIn wird der Realname verwendet (was in den beiden genannten Fällen ohnehin eine Voraussetzung für die Nutzung ist). In allen Foren, Communities
Eine solche strikte Trennung funktioniert natürlich nur so lange, wie eine suchmaschinenauslesbare Nennung des Realnamens gemeinsam mit dem benutzten Pseudonym nicht auf einer der Websites als Pflichtangabe gefordert wird. In einem solchen Fall ist die Verbindung von Pseudonym und Realname dann bequem per Google-Suche nach einem der beiden Komponenten recherchierbar.
Doch auch wenn eine solche strikte Trennung gar nicht notwendig ist, kann die Nutzung von wenigen Pseudonymen durchaus Sinn ergeben. Hierbei sind es oft Überlegungen auf dem Gebiet der Markenführung, die zur zielgerichtete Nutzung von Pseudonymen führen. Man denke hierbei nur an manche Schriftsteller, die Romane oder Roman-Serien sehr unterschiedlicher Stilrichtung dementsprechend auch unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichen. Das hat nicht unbedingt etwas mit Geheimhaltung zu tun, sondern lediglich mit der Wahrnehmung.
Eine erfolgreiche Marke kann nun einmal nicht für beliebig viele oder beliebig unterschiedliche Dinge stehen. Würden die Rolling Stones plötzlich ein Techno-Album herausbringen – ich würde einen durchschlagenden Erfolg eher bezweifeln. Die Stones sind nun einmal als Rockband bekannt und nicht als Techno-Act. Bei einem solchen Experiment bestünde die große Gefahr, sowohl die bestehenden Fans zu vergaulen als auch von der neuen Zielgruppe aufgrund des fest verankerten Markenbildes nicht akzeptiert zu werden.
Beim strategischen Hantieren mit mehreren Pseudonym-Identitäten sollte man sich übrigens auf jeden Fall bereits im Vorfeld überlegen, wie die einzelnen Persönlichkeitsbilder – und das fängt schon beim gewählten Nickname an – auf Personen wirken könnte, mit denen man eigentlich nur in einem völlig anderen Lebensbereich zu tun hat. Die Entwicklung rund um die personenzentrierte Suche im Netz hat schließlich gerade erst begonnen. Und wie wirkt es wohl, wenn ein potenzieller Kunde bei einer Routinerecherche darauf stößt, dass „rosagartenzwerg67″ ihm vorhin das Angebot über den millionenteuren Maschinenpark erläutert hat. Dadurch wird das Geschäft zwar sicher nicht platzen, aber ein etwas seltsamer Eindruck wird unter Umständen trotzdem zurückbleiben.
Orthonym unterwegs – immer mit Realname
Die meiner Meinung nach am einfachsten handhabare Variante ist der konsequente „Kampf mit offenem Visier“. Wer im Internet immer unter seinem richtigen Namen auftritt, muss sich nie Gedanken darüber machen, welches Pseudonym er im konkreten Fall verwenden soll. Im Hinblick auf die für das Selbstmarketing relevante Wiedererkennbarkeit ist dies ebenfalls ein klarer Pluspunkt.
Doch Vorsicht: Verwendet man immer seinen Realnamen, ist man zwangsläufig auch immer öffentlich! Aussagen, die man niemals zusammen mit dem eigenen Namen auf einer riesigen Plakatwand mitten in einer Fußgängerzone oder gegenüber dem Büros seines Chefs sehen wollen würde, sind in diesem Fall tabu. Selbstdisziplin ist bei dieser Variante eine unbedingte Voraussetzung.
Was vielleicht im ersten Moment sehr einschränkend klingt, ist jedoch eigentlich gar nicht so schlimm. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich nur sagen: Ich trete im Netz so gut wie überall mit meinem echten Namen auf (bzw. als Benutzername je nach technischer Vorgabe mit einer der zusammengeschriebenen Versionen „MichaelvanLaar“ oder „michaelvanlaar“) – und lebe bisher sehr gut damit. Wer nach meinem Namen sucht, findet sowohl berufliche als ach private Inhalte.
Natürlich ist das eine Sache der persönlichen Einstellung. Nicht jeder möchte sich im Netz so offen präsentieren. Doch zum Glück gibt es so gut wie überall entsprechende Privatsphären-Einstellungen, mit denen sich bestimmte Inhalte vor der Öffentlichkeit verbergen und nur ausgewählten Personen zugänglich machen lassen. Entscheidet man sich allerdings für das Öffentlichmachen eines Inhalts, sollte man seine Worte (oder Bilder) ein wenig mit Bedacht wählen.
Ich persönlich habe
Ein gewisser Anteil persönlicher Details ist unter beruflichen Aspekten meines (und nicht nur meines) Erachtens durchaus positiv für die eigene Online-Reputation – schließlich kamen und kommen gute Geschäftskontakte nicht selten beim sprichwörtlichen Golfspielen oder aufgrund von gemeinsamen nichtberuflichen Interessen zustande. Doch manche Dinge sind eben einfach privat und gehören daher nicht ins Web, sondern in eine E-Mail, ein Telefonat oder ein persönliches Gespräch. Wer das beherzigt, wird auch mit ständig „offenem Visier“ seine Online-Reputation erfolgreich aufbauen und pflegen können.


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