Wie viel digitale Lethargie schadet der eigenen Online-Reputation?

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einzelner Stuhl

Seit zwei Monaten hat sich in diesem Blog nichts mehr getan. Für heutige Web-Verhältnisse geradezu unerhört. Welchen Eindruck macht es eigentlich, wenn man sich eine Weile nicht mehr online zu einem Thema äußert? Kann man es sich in Zukunft noch erlauben, im Web keine Spuren mehr zu hinterlassen?

Personalchefs erwarten von einem Bewerber einen lückenlosen Lebenslauf. Kann man nicht jeden einzelnen Zeitraum seines Ausbildungs- und Berufslebens belegen, sinken die Chancen auf ein Bewerbungsgespräch. Und sollte man trotzdem eingeladen werden, kommt die Frage nach den Lücken im Lebenslauf mit hundertprozentiger Sicherheit.

Im Zweifel gegen den Angeklagten

Sieht es bei der Online-Reputation nicht ähnlich aus wie bei der Durchsicht eines Bewerber-Lebenslaufes? Wie denken potenzielle Arbeitgeber, mögliche Neukunden oder neu kennengelernte Netzwerk-Kontakte über unregelmäßig gepflegte Blogs, veraltete Social-Network-Profile und verwaiste Twitter-Accounts? Von „unzuverlässig“ über „verzettelt sich auf zu vielen Schauplätzen“ bis hin zu „Interesse verloren“ reichen die möglichen negativen Assoziationen.

Die am häufigste angebrachte, jedoch nicht immer ausgesprochene oder geschriebene Entschuldigung hierfür ist wohl der Klassiker „zu wenig Zeit“. Das geht mir genau so. Fehlende Zeit kann jedoch auch als unzureichendes Setzen von Prioritäten interpretiert werden – ob zu recht oder zu unrecht ist zunächst völlig unerheblich.

Selten, aber regelmäßig

Wer ein Auge auf die Außenwirkung seiner Online-Aktivitäten hat und bereits beim Start eines Blogs oder Twitter-Accounts weiß, dass er voraussichtlich eher zu wenig als zu viel Zeit für die Pflege erübrigen kann, sollte dies von Anfang an berücksichtigen. Dann gibt es eben nur einen Blog-Artikel pro Monat. Das aber kontinuierlich.

Social-Network-Profile dagegen sollten grundsätzlich aktuell sein. Statusmeldungen in XING und Facebook, die sich offensichtlich auf Ereignisse von vor drei Monaten beziehen, machen keinen guten Eindruck. Veraltete Kontaktinformationen und Angaben zur beruflichen Situation sind ohnehin ein No-Go. Dann sollte man sich lieber bereits von vornherein auf die Teilnahme an weniger Social Networks beschränken.

Schluss machen, aber richtig

Gerade im Web 2.0 möchte man Neues einfach einmal ausprobieren, ohne sich vorher in langwierigen strategischen Überlegungen zu verlieren. Das ist auch gut so, denn sonst würden viele Blogs, Podcasts oder sonstige Publikationen niemals über die Konzeptionsphase hinauskommen. Ich bin zwar ein Verfechter strategischer Planung. Doch basierend auf einer klaren Positionierung und Kommunikationsstrategie würde ein wenig mehr Experimentierfreude vielen Unternehmen, Selbständigen und selbstmarketing-engagierten Arbeitnehmern bestimmt gut tun.

Wenn sich ein solches Experiment schließlich doch als untauglich oder zu pflegeintensiv herausstellen sollte, ist es Zeit für einen Schlussstrich. Dieser sollte jedoch „offiziell“ sein, egal ob er endgültig ist oder nur eine Pause einläutet. So vermeidet man den unschönen Eindruck, der entsteht, wenn eine mehr oder weniger regelmäßig aktualisierte Publikation plötzlich im Sande verläuft. Hierbei kann das Standardargument „keine Zeit“ ruhig angebracht werden, wenn es denn tatsächlich stimmt.

Das Experiment meines englischsprachigen Twitter-Accounts habe ich beispielsweise folgendermaßen beendet:

Schluss-Tweet von MichaelvanLaarE

Ich hätte meinen Benutzernamen natürlich auch einfach löschen können. Doch die Variante mit der Abschlussnachricht hat den Vorteil, dass ich den Account jederzeit wieder nutzen kann, falls ich das möchte.

Wie halten Sie es mit der Konsequenz Ihrer Online-Selbstdarstellung? Führen Sie einmal begonnene digitale Spuren konsequent fort? Welche Pausenlänge ist in Ihren Augen noch tolerierbar? Oder bergen verwaiste Selbstpräsentationen im Netz aus Ihrer Sicht gar keine Gefahr eines negativen ersten Eindrucks?

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Kommentare

  1. Jürgen Christ

    Danke für diesen für mich wichtigen Beitrag, Michael!

    Er passt wunderbar zu meinen derzeitigen Überlegungen, Blogs einzustellen bzw. nach anfänglichen Tests mit dezentralen Blogs sie doch wieder zu verschmelzen, unwichtige Social-Network-Accounts wie bei MySpace, vielleicht sogar auch Facebook, aufzulösen, Xing-Gruppen zu verlassen, an denen ich nicht regelmäßig teilnehme usw.

    Dein Beitrag ist ein auslösendes Moment, der Anstoß und Mutmacher sozusagen, der fehlte ;-)

  2. Jürgen Christ

    Nachtrag zu Ihren Fragen:

    (1) Wie halten Sie es mit der Konsequenz Ihrer Online-Selbstdarstellung?
    Wie Sie und viele Andere: zu wenig Zeit. Aber dafür dezentral ;-) – und: siehe (3).

    (2) Führen Sie einmal begonnene digitale Spuren konsequent fort?
    Jein. Kommt darauf an, was es mir bringt. Wenn ich – wie bei Facebook – spüre, dass es zu einem sinnlosen Zeitfresser wird, cancele ich es bzw. sorge durch Aggregierung für eine scheinbare Veränderung ;-) Abgesehen davon: Vieles ist für einen Freiberufler mehr Bauchgefühl als strategische Planung.

    (3) Welche Pausenlänge ist in Ihren Augen noch tolerierbar?
    Kommt darauf an, was im „About“ steht (im übrigen mache ich das jetzt mal …). Und es kommt auf die Inhalte an. Ein guter Fachbeitrag – mit persönlicher Einschätzung des Autors – einmal monatlich ist besser als 10 kleine Verweise auf andere Websites. Und: Es kommt auf die Person und ihre Lebens- und Arbeitsweise an. Ich lebe und arbeite z.B. nach Jahreszeiten, nicht nach gesetzlich festgelegten Zeiten. Also, musste ich mir gleichgesinnte Kunden suchen!

    (4) Oder bergen verwaiste Selbstpräsentationen im Netz aus Ihrer Sicht gar keine Gefahr eines negativen ersten Eindrucks?
    Kommt darauf an, ob ich ein Datum über oder den Beitrag setze ;-) Scherz beiseite: Schlecht! Wie ich kürzlich in einem Interview erwähnte, sind Inhalte und Veränderung das A und O. Wie war das aber mit den Schustern und seinen Schuhen und Klempnern mit ihren Wasserhähnen?

    Schönen Abend
    JAC

  3. Michael van Laar

    @Jürgen Toll, jetzt bin ich sozusagen digitaler Sterbehelfer ;-) Aber Recht hast du, der ganze Social Schnickschnack muss ja auch noch handhabbar sein. Und man kann sich so schön und schnell verzetteln. Ich muss mich auch regelmäßig zum Ausmisten zwingen. Dann bekomme ich eben manches nicht mit und bin nicht überall dabei. Was soll’s. Prioritäten setzen ist nun einmal notwendig. Denn es gibt schließlich noch eine Leben jenseits des Social Web.

  4. JAC

    @Michael: Nicht nur digitaler Sterbehelfer ;-) Neben Facebook kommt jetzt MySpace, dann stirbt noch ein Blog – und andere werden dafür wiedergeboren in anderen „Körpern“ :-)

    Ich sehe es mit einem Augenzwinkern – und als Anregung, über einiges nachzudenken. Die Situation erinnert mich an die Szene im Film „Matrix“, als Morpheus Neo die Wahl zwischen der „blauen“ und „roten“ Pille ließ und ich denke, wenn man sich einmal entschieden hat, ist die Erinnerung daran, alles immer wieder in Frage zu stellen, ganz einfach im Alltag zu finden. Man muss nur die Zeichen richtig erkennen und handeln. Hinter dem Tod – hier als Synonym für „Loslassen und Seinlassen“ – steht auch immer ein neuer Beginn. Wünsche Dir ein schönes, nachdenkliches Wochenende.

  5. Rolf Langhoff

    danke für den Beitrag,

    beim lesen wurden Erinnerungen an eine ganze reihe von verwaisten Online-Experimenten wach.

    es stehen ein paar ordentliche Beerdigungen an :-)

  6. Lapidarium42

    mit Hilfe von Google läßt sich die Ruinenpflege bzw. Entsorgung noch einfach bewältigen. Gelegentlich doch überraschend was die große Krake noch alles an überholten und vergessenen Experimenten hervorbringt.

  7. Rundum-Update meiner Online-Selbstpräsentation (Teil 1): Der Startschuss  ·  Selbstmarketing-Praxis

    […] einiger Zeit hatte ich in einem Blogartikel gefordert, solche Experiment-Spuren und veraltete Profile nicht einfach vor sich hin schlummern zu […]


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